Dem Volke dienen!
Als Berlin (West) 1987 anläßlich seines angeblichen siebenhundertundfünfzigjährigen Geburtstages im sauer ersparten Gelde der mißlaunigen Schwaben, Bayern und aller anderen arg steuerblutenden Westfalen schwamm, versuchte auch ich ein paar Tropfen davon aufzusaugen. Ich, wie es sich für einen Berliner einst gehörte: arm (bis 1989, dann wieder ab 1998), schickte also damals dem für die Künste offenen Senatsportefeuille einen Brief, indem ich einen Springbrunnenentwurf darlegte. Ich machte mir Hoffnungen, denn die Kunstakzeptanz unter der Bevölkerung und ihrer volksnahen Vorgeordneten weitet sich ja immer recht wonniglich jedweder Art selbst deppertster Wasserspielchen.
Mein Brunnen sollte also aussehen, wie sich das Volk einen anständigen Springbrunnen vorstellt: Runde, im Durchmesser etwa zwölf Meter messende, schnörkellose Schale aus hübschem Stein, mit Wasser gefüllt, damit man darin auch Beine baumeln oder Bier würde kühlen können, und in der Mitte sollte sich eine Düse für eine senkrechte, etwa sechs Meter hohe, gebündelte Wasserfontäne befinden.
Für die Begriffsstutzer unter den Kommissionsmitgliedern, von denen es immer reichlich gibt (ich weiß es, da ich inzwischen selbst solchen Ausschüssen beisitze) machte ich die hier abgebildete vereinfachende Skizze.
Diese würde, spekulierte ich, nun also erst mal ein „Aha!“ unter den Begutachtern auslösen müssen, und dann las man aber im Kleingedruckten noch weiter, daß nunmehr „Moderne Kunst“ meinerseits würde hinzukommen: Die Wasserdüse sollte nämlich, ohne daß sich vorhersehen ließ wann und wohin, immer mal um neunzig Grad in die Horizontale kippen und den Strahl weit über den Brunnenrand hinaus ins jauchzende Publikum jagen!
Nun hätte ich ein schallendes „Oha!“ unter den Mitgliedern des Ausschusses erwartet haben dürfen! Allein, man reagierte gar nicht und baute anderen Schwachsinn mit und ohne Wasser. Ich aber ließ den Einfall allerorts verkünden, auf daß er ewig werde.
(aus: Kapielski, Anblasen, Merve Berlin 2006)